Werner Otto

VITA

Wie ein roter Faden zog sich durch das Leben Werner Ottos der unbedingte Wunsch nach Selbstständigkeit, die klare Vorstellung, so früh wie möglich von anderen dauerhaft unabhängig zu sein.

Schon als Junge ist der 1909 in Seelow (Mark Brandenburg) geborene Werner Otto willensstark und durchsetzungsfähig gewesen. Er wächst behütet in einer bürgerlichen Familie auf, die mittlerweile nach Prenzlau gezogen ist. Seinen Vater, den Lebensmittelhändler Wilhelm Otto nimmt der Junge als einen milden Mann wahr, dem es aber offenbar an der gelegentlich für einen Geschäftsmann nötigen Härte fehlte. Er selbst orientiert sich als Jugendlicher stärker an der Art der Familie Mühlbach – den Verwandten mütterlicherseits. Werner Ottos Mutter ist 1910, kurz nach der Geburt einer Tochter gestorben, mit seiner Stiefmutter Marie, die der Vater nach der Trauerzeit geheiratet hatte und den drei später geborenen Stiefgeschwistern versteht er sich sehr gut. Auf dem Bauernhof der Mühlbachs verbringt Werner Otto herrliche Jahre. Der tägliche Umgang mit Tieren und Pflanzen prägt seine Liebe zur Natur für immer, auch die Unabhängigkeit und das selbstständige Arbeiten seines Onkels sagen ihm zu.

Werner Otto wusste schon früh, dass er sich ein Berufsfeld suchen wird, in dem er selbstständig arbeiten kann – alles andere ist für ihn undenkbar. Inzwischen sind auf das Leben der Familie Otto, wie auf das Millionen anderer, dunkle Schatten gefallen. Der Erste Weltkrieg ist mit einer verheerenden Niederlage für Deutschland zu Ende gegangen, und die Wirtschaft des gebeutelten Landes kann über Jahre nicht wieder Tritt fassen. Im Zuge der Inflation macht das Lebensmittelgeschäft Wilhelm Ottos pleite, und Werner Otto muss das Gymnasium verlassen, weil seine Eltern das Schulgeld nicht mehr aufbringen können. Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Junge als Schriftsteller versucht – seine Vorbilder sind Balzac und Hamsun. Zwei Romane schreibt er bis zur Druckreife, lässt sie dann aber doch in der Schublade verschwinden. Der Ernst des Lebens hat endgültig begonnen, und Werner Otto beginnt in Angermünde eine dreijährige Lehre als Lebensmittelkaufmann. Anschließend macht er sich mit einem kleinen Laden in Stettin selbstständig. Die politischen und gesellschaftlichen Krisen der 1920er Jahre prägen ihn ebenso stark wie seine Lehrzeit.

Werner Otto wird in diesen Jahren zu einem wachsamen, politisch denkenden Menschen, der erkennt, dass es nicht reicht, sich alleine auf den Staat zu verlassen. Zugleich wird ihm klar, dass nur unbedingte Kundenorientiertheit, Zielstrebigkeit und kluge Geschäftsstrategien die Position des erfolgreichen Unternehmers dauerhaft sichern. Er wählt sich ein Lebensmotto, das er nie mehr außer Acht lässt und das ihm immer wieder neue Kraft gibt: "Panta rhei" – alles fließt.

Im Jahr 1934 wird Werner Otto, der inzwischen einen erfolgreichen Zigarrenladen in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes betreibt, verhaftet. Er hat Anti-Hitler-Flugblätter über die tschechische Grenze nach Deutschland geschmuggelt und wird zu zwei Jahren Haft im Gefängnis Plötzensee verurteilt. Nach der Haftentlassung zieht Otto mit seiner Ehefrau Eva nach Kulm an der Weichsel, seine Kinder Ingvild und Michael werden geboren. Der Umzug ist eine Art Flucht, Otto will der ständigen Überwachung in Berlin entgehen. Schließlich muss er doch noch in den Krieg ziehen, erhält "Frontbewährung" und wird schwer verwundet. Das Kriegsende erlebt er mit einer Kopfverletzung im Lazarett.

1945 – Stunde Null in Deutschland. Werner Otto und seine Familie schlagen sich unter großen Mühen nach Westen durch. Otto ist – wie Tausende andere auch –  ganz unten angekommen, lässt sich aber nicht unterkriegen. "Man darf ruhig einmal hinfallen – nur nicht liegen bleiben" -  ein Satz, den Werner Otto immer wieder zitiert hat.

Trotz schwierigster Bedingungen beginnt er aus dem Stand heraus sofort damit, im Raum Hamburg Kontakte zu knüpfen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Otto eröffnet zunächst in Hamburg eine kleine Schuhmanufaktur, die er aber nach dem Wegfall der Sektorengrenzen und dem damit einhergehenden Erstarken der Konkurrenz wieder schließen muss. Eher zufällig liest er Informationsmaterial über den im Aufbau begriffenen Versandhandel – ein Feld, das ihn sofort fasziniert. Am 17. August 1949, vier Tage nach seinem 40. Geburtstag, meldet Otto bei der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr unter der Bezeichnung "Versandhandel" sein neues Gewerbe an.

Sein Hauptquartier besteht aus zwei Baracken im Stadtteil Schnelsen, und auch die Vertriebswege sind zunächst denkbar einfach. Der erste Katalog ist handgebunden, hat nur 14 Seiten und eine Auflage von 300 Stück. Die Auslieferung erfolgt zum Teil per Fahrrad. Doch nach relativ kurzer Zeit steht fest, dass Werner Otto aufs richtige Pferd gesetzt hat. Schon 1951 erscheint der Katalog in einer Auflage von 1500 Stück, und das Unternehmen setzt bereits eine Million Mark um. In Schnelsen müssen zusätzliche Gebäude errichtet werden, die Mitarbeiterzahl steigt bis 1952 auf 150.

1956 verlegt Werner Otto den stark expandierenden Otto Versand in größere Gebäude nach Hamburg-Hamm. Ein Jahr später stirbt sein Vater Wilhelm und aus der 1952 geschlossen zweiten Ehe geht sein Sohn Frank hervor. Kurz danach muss bereits ein erneuter Umzug in Angriff genommen werden. 1959 wird der Grundstein für den neuen Firmenkomplex in Hamburg Bramfeld gelegt, und 1961 zieht das Unternehmen dorthin um – an den Ort, der auch heute noch die Zentrale des Weltkonzerns Otto Group bildet. Ein 17-Stunden-Tag ist für Werner Otto in dieser Zeit keine Ausnahme, sondern die Regel. Dabei verliert Otto neben seinen strategischen Zielen aber nie das Wohl seiner Mitarbeiter aus dem Blick und erweist sich als sozialer, verantwortungsbewusster Arbeitgeber. Schon 1956 hat er als einer der ersten deutschen Unternehmer die Fünf-Tage-Woche eingeführt, Anfang 1957 wurde eine Sozialkasse für Beihilfen, Alters-, Invaliditäts- und Hinterbliebenenversorgung eingerichtet.1962 verkauft Werner Otto vorübergehend Teile seines Unternehmens um eine breitere Kapitalbasis für geplante Expansionen zu schaffen - unter anderem an E. Brost & J. Funke, Eigner der Essener WAZ Gruppe. Ein Jahr später heiratet er in dritter Ehe seine Frau Maren - die Kinder Katharina (1964) und Alexander (1967) werden geboren.

Die frühen Jahre verlangen dem Unternehmer und seinem Team enorme Leistungen ab, und Otto muss mit Schwierigkeiten kämpfen, die heute kaum mehr vorstellbar sind. So steckt die Werbung beispielsweise noch in den Kinderschuhen, und es ist kaum möglich, qualifizierte Fachkräfte zu bekommen. Auch muss das expandierende Unternehmen technisch laufend auf den neuesten Stand gebracht werden, und Maschinen und Computer, die gerade erst eingeführt wurden, weichen binnen kürzester Zeit neuen, leistungsstärkeren. Der Einsatz lohnt sich, und es geling Werner Otto, die Konkurrenz abzuschütteln und sich eine Spitzenposition zu erarbeiten.

Werner Otto, der stets größten Wert darauf legte, sich als Unternehmer nicht mit Kleinigkeiten zu verzetteln, vermeidet den Kardinalfehler vieler Gründerunternehmer, sich auf Dauer im Tagesgeschäft für unentbehrlich zu halten und sich in zu viele Details einzumischen. Stattdessen legt er in allen Geschäftsbereichen größten Wert auf den Aufbau hoch qualifizierter Führungsmannschaften, die in der Lage sind, weitgehend selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln.

In der mehr als 60-jährigen Unternehmensgeschichte entwickelte sich der einstige Otto Versand zur Otto Group und damit zur größten Versandhandelsgruppe der Welt. In 19 Ländern Europas, Amerikas und Asiens vertreten, zählt sie seit Jahrzehnten zu den expansivsten und gleichzeitig renditestärksten der Branche.
1981 übergibt er die Führung des Unternehmens Otto seinem Sohn Dr. Michael Otto, der 2007 an die Spitze des Aufsichtsrates wechselt.

 "Teile und Wachse" ist eines der zwölf von ihm selbst festgelegten Unternehmerprinzipien, die Werner Otto während seines Berufslebens stets beherzigt hat. Entsprechend beginnt er früh damit, seine Aktivitäten immer breiter aufzustellen und dabei auch in anderen Ländern zu investieren. Schon Anfang der 1960er Jahre beschäftigt er sich intensiv mit Landerschließung und -entwicklung und wagt schließlich – Globalisierung ist damals noch ein Fremdwort – den Sprung über den Atlantik nach Kanada. Mit Hilfe eines hoch spezialisierten Managements entwickelt er Industrieparks sowie Wohn- und Bürogebäude – vor allem im Raum Toronto. Die von ihm auf den Weg gebrachte Immobiliengruppe "Park Property" managt heute über 8.000 Wohnungen sowie circa 150.000 qm Gewerbeflächen. Sie zählt damit zu den größten Unternehmen dieser Art in Kanada.

Ab 1973 beginnt er mit dem Aufbau einer US-amerikanischen Immobiliengruppe in New York, der Paramount Group, zu der unter anderem Gebäudekomplexe in New York und Washington gehören.

Als Werner Otto bereits Ende 50 ist, denkt er nicht über seinen Ruhestand nach, sondern beschließt, noch einmal von vorne anzufangen. Er prüft verschiedene Optionen, bevor er sich für sein neues Betätigungsfeld entscheidet: In den USA hat er den expandierenden Einkaufscenter-Markt bereits kennen gelernt, nun reizt es ihn, ähnliches in Deutschland zu versuchen. 1965 gründet er die "Werner Otto Vermögensverwaltung GmbH", aus der später die "KG Einkaufs-Center-Entwicklung G.m.b.H & Co" wird. 1979 erhält das Unternehmen seinen endgültigen Namen: "ECE Projektmanagement", die Otto wirtschaftlich und personell völlig unabhängig vom Otto Versand gestaltet. Binnen weniger Jahre entwickelt sich die ECE zur bedeutendsten Entwicklungs-, Bauträger- und Managementgesellschaft für Einkaufszentren in ganz Europa. Die ECE entwickelt und baut darüber hinaus große Bürohäuser, Spezialimmobilien und sonstige gewerbliche Projekte, stets mit dem Ziel, einen wirkungsvollen Beitrag zur Belebung der Innenstädte sowie zur behutsamen Stadterneuerung zu leisten. Im Jahr 2000 übernimmt Werner Ottos Sohn Alexander die Führung der ECE.

Werner Otto gehörte zu den Wirtschafts-Pionieren, die mit visionärer Kraft, ausgeprägtem Erfindungsreichtum und großem unternehmerischen Mut die wirtschaftliche, gesellschaftspolitische und soziale Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen 60 Jahren geprägt haben.

Er ist einer der Unternehmer der ersten Stunde gewesen, deren kurz nach der Währungsreform gegründete und aufgebaute Wirtschaftsimperien Weltgeltung erlangten und deren Unternehmen nicht nur ihren Namen tragen, sondern die auch heute noch von der Gründerfamilie entscheidend gestaltet werden.

Für Otto hat immer sein unternehmerisches Werk im Vordergrund gestanden, nie seine Person. Gut 50 Jahre war er mit seiner Ehefrau Maren glücklich verheiratet, die ihn unermüdlich bei seinem karitativen Engagement unterstützte. Zu seinen fünf Kindern, Ingvild, Michael, Frank, Katharina und Alexander, allesamt auf ihren individuellen Gebieten sehr erfolgreich und selbst glückliche Familienmenschen, hatte Werner Otto ein harmonisches Verhältnis. Als sein größtes Glück neben Familie und Gesundheit sah er die schöpferische Gestaltungsmöglichkeit des selbstständigen Unternehmers. "Wer allerdings statisch denkt und aus Angst vor Fehlern keinen Schritt nach vorn wagt, der sollte kein Unternehmer werden", so Ottos Überzeugung.

"Panta rhei" – alles fließt. 

Am 13. August 2009 feierte Werner Otto seinen 100. Geburtstag.

» Pressestimmen zum 100. Geburtstag, 13. August 2009

Am Mittwoch, dem 21. Dezember 2011 starb Werner Otto im Alter von 102 Jahren im Kreise seiner Familie in Berlin.

"Das Glück kann einem zwar die Hand reichen, aber für den Erfolg muss man selber sorgen."

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Werner Otto im Alter von 10 Jahren.

 

Werner Otto (4.v.l.) mit seiner Belegschaft 1952.

 

Werner Otto Anfang der 1980er Jahre bei einem Spiel des Hamburger Sportvereins (HSV).

 

Werner Otto im November 1997 vor seiner wieder entstandenen Taufkirche. Er hatte das Geld für den Wiederaufbau gestiftet.

 

Der 89-jährige Werner Otto bei einer Wanderung.

13.08.2009: 100. Geburtstag von Werner Otto.
Werner Otto mit seinen Kindern Alexander Otto, Katharina Otto-Bernstein, Frank Otto, Ingvild Goetz und Michael Otto (r.)

 

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